
Foto: Cesar von Meissen
Historische Lebensader der Industriekultur im Ruhrtal
Der Mühlengraben in Essen-Kettwig ist weit mehr als nur ein Nebenarm der Ruhr. Dieser historische Wasserlauf hat die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des Ortes über Jahrhunderte maßgeblich geprägt. Seine Bedeutung wurzelt vor allem in der Nutzung der Wasserkraft, die in Zeiten vor der industriellen Revolution Grundlage für produktive Handwerksbetriebe und später auch für Industriebetriebe war. Heute ist der Mühlengraben mit der Mühlengrabenbrücke das Tor zur Altstadt Essen-Kettwig. Baldeneysee.Ruhr verrät die Hintergründe zu diesem farbgewaltigen Film- und Foto-Hotspot.
Ursprung und industrielle Bedeutung des Mühlengrabens
Bereits im Jahr 1372 wurde am Mühlengraben erstmals eine landherrliche Kornmühle urkundlich erwähnt. Diese Kornmühle war Teil der Reichsabtei Werden, zu der Kettwig bis 1803 gehörte. Sie versorgte die Bevölkerung mit lebensnotwendigem Mehl. Im Jahr 1724 kam mit der Errichtung einer Walkmühle ein wichtiger Meilenstein hinzu. Direkt neben der Kornmühle wurde diese Anlage gebaut, um die lokale Wolltuchmacherei zu unterstützen. Die Walkmühle veredelte mechanisch die gewebten Stoffe, indem sie sie walkte. Damit trug sie erheblich zur Blüte der hiesigen Tuchindustrie bei, die vor allem von der Familie Benninghoven im 18. Jahrhundert maßgeblich geprägt wurde.
Sichtbare und sehenswerte Relikte
Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Mühlengraben vom handwerklichen Zentrum hin zur Großindustrie. 1814 erwarb die Fabrikantenfamilie Scheidt die Wasserrechte des Grabens und baute daraus die weltweit bekannte Tuchfabrik Johann Wilhelm Scheidt auf. Die Erinnerung an diesen wichtigen Wirtschaftsstandort bleibt heute durch archäologische Fundamente sowie Straßennamen wie „Am Mühlengraben“ lebendig. Auch im Bereich der Brücke sind noch sichtbare und sehenswerte Relikte des alten Flussarms erhalten.
Foto: Cesar von Meissen
Historisches Wahrzeichen: Die Brücke aus Ruhrsandstein
Die Mühlengrabenbrücke zählt zu den ältesten und beeindruckendsten Brückenbauwerken in Essen und im gesamten Ruhrgebiet. Seit 1985 steht sie unter Denkmalschutz und gilt als bedeutendes Zeugnis der Bautechnik und Baugeschichte der Region. Zunächst gab es bereits 1282 eine hölzerne Ruhrbrücke in Kettwig, die jedoch durch Hochwasser und Eisgang mehrfach beschädigt wurde. Im Dreißigjährigen Krieg (1635) wurde die Brücke von kaiserlichen Truppen absichtlich zerstört, um den Vormarsch schwedischer Truppen zu verhindern. Für längere Zeit blieb folglich nur eine einfache Holzfußgängerbrücke bestehen. Große Fuhrwerke mussten eine seichte Furt benutzen, um über die Insel zur Fähre ins Hauptstrombett der Ruhr zu gelangen.
| Bauwerksinformationen zur Mühlengrabenbrücke in Essen-Kettwig | ||
|---|---|---|
| Name | Mühlengrabenbrücke | |
| Standort | Essen-Kettwig, über den Kettwiger Mühlengraben (Nebenarm der Ruhr) | |
| Baujahr | 1786 | |
| Bauherr | Abt Bernhard II. Bierbaum von der Reichsabtei Werden | |
| Baustoff | Ruhrsandstein (Bruchsteinmauerwerk) | |
| Bauweise | Historische Steinbogenbrücke mit drei Kreissegmentbögen | |
| Anzahl der Bögen | 3 | |
| Spannweite | ca. 8,02 bis 10,15 Meter | |
| Gesamtlänge | ca. 36 Meter | |
| Breite | 3,8 Meter | |
| Brüstungen | 50 Zentimeter breit und 93 Zentimeter hoch | |
| Besonderheiten | Schlussstein mit dem Wappen von Abt Bernhard II. sowie historischer Brückenpfeiler mit schmiedeeiserner Laterne | |
| Ursprüngliche Nutzung | Verkehrsbrücke für Fuhrwerke, Postverkehr und Fußgänger | |
| Heutige Nutzung | Fußgänger- und Fahrradbrücke, Zugang zur historischen Altstadt Kettwigs | |
| Denkmalschutz | Seit 1985 als Baudenkmal geschützt | |
| Bedeutung | Eine der ältesten erhaltenen Brücken in Essen und ein bedeutendes Zeugnis der Bau- und Industriegeschichte des Ruhrgebiets | |
Errichtung der heutigen Steinbrücke im Jahr 1786
1786 ließ Werdens Abt Bernhard II. Bierbaum diese heute noch bestehende Steinbogenbrücke errichten. Nach Plänen seines Baumeisters Engelhard Kleinhans wurde sie aus dem charakteristischen, wetterbeständigen Ruhrsandstein gebaut. Die Brücke besteht aus drei Kreissegmentbögen mit Spannweiten zwischen rund acht und zehn Metern. Über dem mittleren Bogen prangt ein markanter Schlussstein, der das Wappen des Abtes trägt. Zudem ziert ein historischer Brückenpfeiler mit einer schmiedeeisernen Laterne den Brückenkopf.
Foto: Cesar von Meissen
Ursprünglich war die Brücke vermutlich als erster Abschnitt eines umfassenden Bauprojekts geplant, das die gesamte Ruhrbreite überspannen sollte. Dieses ambitionierte Vorhaben wurde jedoch nie vollendet. Erst 1865 entstand wieder eine feste Ruhrbrücke über den Hauptstrom.
Tor zur historischen Kettwiger Altstadt
Früher war die Mühlengrabenbrücke für Fuhrwerke und Postwagenverkehr wichtig. Heute ist sie ausschließlich Fußgängern und Fahrradfahrern vorbehalten und dient als pittoreskes Übergangstor zur historischen Altstadt Kettwigs. Wer die Brücke vom Flussufer betritt, findet sich direkt auf der Ruhrstraße wieder, umgeben von einem Ensemble historischer Fachwerkhäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die den charmanten Ortskern prägen und einen Besuch zur Zeitreise machen. Unmittelbar an der Brücke lädt zudem das heimelige „Brücken-Café“ sowohl Einheimische als auch Touristen zum Verweilen ein. Es ergänzt die stimmungsvolle Atmosphäre und macht einen Besuch des Mühlengrabens zu einem besonderen Erlebnis. Ein Muss für Touristen und Tagesgäste.
Fazit
Der Mühlengraben in Kettwig ist ein bedeutsames Symbol für die Verbindung zwischen Natur, Handwerk und Industriegeschichte. Vom mittelalterlichen Kornmahlen bis zur blühenden Textilindustrie und der beeindruckenden Mühlengrabenbrücke spiegelt er Entwicklungen wider, die den südlichsten Stadtteil Essens nachhaltig formten. Heute laden diese historische Stätte und ihre idyllischen Wege dazu ein, die reiche Geschichte dieser Region an der Ruhr zu entdecken und zu erleben. Fahrradfahrer auf dem Ruhrtalradweg sollten hier eine Rast einlegen um die einzigartige Atmosphäre zu genießen.






