
Foto: Cesar von Meissen
Weg des Wandels im Ruhrgebiet
Wer heute am Leinpfad zwischen Essen-Werden, Kupferdreh und dem Baldeneysee unterwegs ist, erlebt eine fast idyllische Ruhe: Jogger, Radfahrende, Menschen mit Hunden, Kanu- und Ruderboote auf dem Wasser, Ausflugsschiffe, die gemächlich ihre Runden drehen. Es wirkt so selbstverständlich, dass dieser Weg am Fluss ein Freizeitparadies ist – dabei erzählt der Leinpfad eine Geschichte von harter Arbeit, technischem Wandel und einem Ruhrtal, das sich im Laufe der Geschichte gleich mehrfach neu erfunden hat und damit Pars pro Toto für den Wandel im Ruhrgebiet steht.
Werden – Drehkreuz der Ruhrschiffahrt
Im Essener Stadtteil Werden, einst Abtei und selbstständige Abteistadt, wechselt der Leinpfad die Ruhrseite. Hier erinnert bis heute der Treidelplatz an das einstige Drehkreuz der Ruhr als Transportweg. Etwas weiter Flussabwärts auf Höhe der Papiermühle wurde ein Stück des ehemaligen Treidelpfades „sichtbar“ gemach. In Werden selbst diente das bis heute erhaltene Haus Heck als Ruhrzoll Inspektion. Die Jüngsten können auf der Brehminsel in einem an die Ruhraaken von einst angelehnten Spielboot das Treideln mit Pferden im Spiel erleben.
Muskelkraft statt Motoren
Der Begriff „Leinpfad“ stammt aus einer Zeit, in der Schiffe noch nicht von Motoren, sondern mit Muskelkraft bewegt wurden. Entlang der Ruhr zogen früher Pferde, andere Zugtiere wie Ochsen oder auch Menschen die Frachtkähne (Ruhraaken) flussaufwärts – ein Vorgang, den man „Treideln“ nannte. Die Schiffe waren meist mit Kohle, Erz oder später Industriegütern beladen, und der Leinpfad war ihre „Schleppstrecke“: ein schmaler, aber lebenswichtiger Arbeitsweg direkt am Ufer. Man kann sich vorstellen, wie Männer mit gesenktem Kopf in die Leinen gespannt waren, während der Kahn träge gegen die Strömung ankämpfte, und wie Hufe die Uferwege in matschige Rinnen mit tiefen Furchen verwandelten. Von dieser körperlichen Anstrengung ist heute nichts mehr zu spüren – geblieben ist der Weg, der jetzt nicht mehr mit Last assoziiert wird, sondern mit Leichtigkeit.
Überholspur der Industrialisierung
Die Ruhr selbst war über weite Strecken schiffbar, und ihre Schifffahrt prägte das Ruhrgebiet lange, bevor der Name „Ruhrgebiet“ überhaupt zum Synonym für Schwerindustrie wurde. Bereits im Mittelalter wurde der Fluss für den Transport genutzt; 1033 erhielt die Abtei Werden das Zollrecht für die Schifffahrt zwischen Werden und der Mündung, als die Ruhr vor allem für Fischfang und kleineren Warenverkehr genutzt wurde. Mit dem Aufschwung des Ruhrbergbaus im 18. und 19. Jahrhundert wurde der Fluss dann zur eigentlichen Verkehrsader: Schleusen, Häfen und Treidelpfade ermöglichten, Kohle aus den Abbauschächten Richtung Rhein zu transportieren. Der Leinpfad, an dem man heute spazieren geht, war also früher ein Infrastrukturstreifen – quasi so etwas wie die Überholspur der Industrialisierung, nur eben mit Pferden und Holzbooten.
Perspektivenwechsel am Baldeneysee
Der Baldeneyee ist bekanntermaßen kein natürliches Gewässer, sondern ein Stausee, der in den 1930er-Jahren entstand, als man die Ruhr aufstaute, um den stark verschmutzten Fluss zu reinigen und die Trinkwasserversorgung der wachsenden Bevölkerung zu verbessern. Vor rund 90 Jahren wurden dafür weite Flächen überflutet, Uferabschnitte neu geordnet und das Landschaftsbild grundlegend verändert. Dass dieser Eingriff heute als landschaftliches Highlight Essens gilt, ist eine dieser typischen, geschichtlichen Wendungen: Was als technisches Großprojekt für Wasserqualität und Versorgungssicherheit begann, ist heute einer der beliebtesten Freizeitorte einer ganzen Region.
Foto: Cesar von Meissen
Tourismus im Ruhrtal
Doch schon lange, bevor der Baldeneysee existierte, zog das Ruhrtal Reisende an. Der Essener Verleger Karl Baedeker, Begründer der berühmten roten Reiseführer, schwärmte bereits 1843 in seiner „Rheinreise“ vom Ruhrgebiet: Er beschrieb das Tal der Ruhr als „an Naturschönheiten reiches“ Gebiet, das zugleich vom Bergbau und vom Fleiß seiner Bewohner geprägt war. Wer heute am Leinpfad unterwegs ist, kann genau diese Mischung noch erahnen: Auf der einen Seite der Blick auf das Wasser, die grünen Hänge, historische Orte wie Essen-Werden; auf der anderen Seite Relikte der Industrie, Bahnlinien, Brücken, alte Schleusen und Werksanlagen, die sich ganz selbstverständlich in die Landschaft einfügen.
Vom Treidelpfad zum touristischen Highlight
Der Baldeneysee selbst ist heute ein Knotenpunkt für Wassersport, Sport, Erholung und Ausflugsschifffahrt. Auf dem Stausee verkehren Fahrgastschiffe der Weissen Flotte Baldeney GmbH, einem Tochterunternehmen der Stadt Essen. Sie bieten Rundfahrten an, während Segelboote, Ruderboote und Stand-up-Paddler das Bild bestimmen. Die Ruhr ist vom Rhein bis Essen-Werden für motorisierte Fahrzeuge schiffbar; auf einigen Abschnitten, etwa bis Mülheim, ist sie sogar als Bundeswasserstraße ausgebaut und wird weiterhin beruflich genutzt. Gleichzeitig halten Schleusen – etwa an der Schleuse Baldeney (Stauwehr) – die Verbindung zwischen den verschiedenen Ruhrabschnitten, sodass die Ruhrschifffahrt heute eher ein touristisches Erlebnis als eine wirtschaftliche Notwendigkeit ist, wie der Ruhrverband konstatiert. Wenn man auf einem der Ausflugsschiffe über den Baldeneysee fährt, steht man gewissermaßen am Ende einer langen Entwicklung: vom Treideln über Frachtdampfer bis zur Freizeitflotte.
Leinpfad – drei Perspektiven
Wer den Leinpfad heute begeht oder befährt, kann ihn auf mehreren Ebenen erleben. Auf der offensichtlichsten ist er Teil eines ausgebauten Wegenetzes: RuhtalRadweg, Wanderwege, Joggingstrecken – ein Stück moderner Freizeitkultur. Auf einer zweiten Ebene ist er ein archäologischer Faden der Industrialisierung: ehemalige Treidelwege, Spuren von Schleusen, Brücken und Uferbefestigungen erzählen, wie sehr die Ruhr einst Arbeitsraum war. Und auf einer dritten Ebene ist er ein emotionaler Erinnerungsraum, in dem Reisenotizen des 19. Jahrhunderts, die bautechnische Vision der 1930er-Jahre und die Mahnmale des 20. Jahrhunderts ineinandergreifen. Die vielleicht schönste Art, den Leinpfad und den Baldeneysee zu erleben, ist daher, sich beim nächsten Spaziergang bewusst Zeit zu lassen, um alle Perspektiven zu erleben: das Wasser, den Weg, die Geschichte.
