
Foto: Cesar von Meissen
Ein Aufstieg durch die Geschichte Kettwigs
Die Kirchtreppe in Essen Kettwig an der Ruhr ist einer dieser Orte, die man nicht einfach ganz nebenbei passiert – man erlebt sie leibhaftig. Mit jedem Schritt öffnet sich ein Stück Geschichte, und wer hier hinaufsteigt, bewegt sich nicht nur zwischen zwei Ebenen der Altstadt, sondern zwischen Jahrhunderten, die in Stein gefasst wurden.
Kettwig der Tuchmacher, Schiffer und Händler
Am Fuß der Treppe, dort wo Ruhrstraße und Webertplatz zusammenkommen, beginnt der Aufstieg in ein anderes Kettwig: das Kettwig der Tuchmacher, der Schiffer, der Händler, die über Generationen hinweg zwischen Markt und Ruhr pendelten. Die Stufen führen hinauf zur Evangelischen Kirche am Markt, deren Turm wie ein ruhiger Fixpunkt über den Fachwerkdächern steht. Zusammen bilden Treppe, Kirche und die umliegenden Häuser ein Ensemble, das Geschichte atmet und dörflich wirkt – ein seltenes Bild im Ruhrgebiet, das zu unrecht nur als industrieller Ballungsraum mit über fünf Millionen Menschen wahrgenommen wird.
Historische Spuren entlang der Kirchtreppe
Am unteren Ende der Kirchtreppe öffnet sich der Bereich des heutigen Tuchmacherplatzes. Schon im Mittelalter war dies eine wichtige Verbindung zwischen dem Oberdorf und der Ruhr. Erst im Jahr 1850 erhielt sie ihre heutigen Treppenstufen sowie ein Geländer. Die Kirchtreppe war eine von vier sogenannten Feuergassen, Wege die den Ort durchzogen und als wichtige Verbindungen zwischen den verschiedenen Siedlungsbereichen genutzt wurden.
Wer beim Aufstieg den Blick auf die angrenzenden Häuser richtet, entdeckt mannigfaltige Zeugnisse der langen Geschichte Kettwigs. Besonders hervorzuheben ist das Haus Nr. 4. Hier soll laut Überlieferung bereits 1368 eine Familie aus Bacharach gewohnt haben, die für den Werdener Abt Wein anbaute. Die heutige Straße “Am Weinberg” sowie „Bacharachs Haus“ sind Zeugen dieser Geschichte. Auch ein kleiner Blickfang findet sich entlang der Treppe: Neben Haus Nr. 5 begrüßt der Kettwiger „Nachtwächter“ die Besucher. Die kunstvolle Schmiedearbeit des Künstlers Bernhard Nicolai fügt sich harmonisch in das historische Ambiente ein und erinnert an die Zeit, als Nachtwächter noch für Sicherheit und Ordnung in den Gassen des Ortes sorgten. Bis heute gibt es Nachtwächter-Führungen durch die historischen Gassen der Kettwiger Altstadt gibt.
Geschichten aus dem 17. und 18. Jahrhundert
Wer die Kirchtreppe von unten betrachtet, sieht einen steinernen Eingang in eine andere Zeit. Die Stufen steigen steil an, flankiert von Schieferfassaden und Fachwerkbalken, die Geschichten aus dem 17. und 18. Jahrhundert erzählen. Oben angekommen, öffnet sich der Blick über die kopfsteingepflasterten Gassen, die sich wie ein Netz durch die Altstadt ziehen. Dieser Perspektivwechsel ist es, der die Treppe so besonders macht: Sie ist nicht nur Weg, sondern Bühne, nicht nur Verbindung, sondern Erlebnis – auch, wenn der Nachtwächter seine Führung durch die Geschichte Kettwigs zum einzigartigen Erlebnis macht.
Foto: Cesar von Meissen
Geistliches Leben und geschäftiger Alltag
Über Jahrhunderte war die Kirchtreppe der zentrale Weg zwischen geistlichem Leben und geschäftigem Alltag. Oben die Kirche, unten der Markt – ein Rhythmus, der das Leben im Ort prägte. Arbeiter, Händler, Kirchgänger: Sie alle nutzten diese Stufen, die heute noch genauso wirken wie damals. Dass die Altstadt den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet überstand, macht die Treppe zu einem seltenen Zeugnis vorindustrieller Stadtarchitektur im Ruhrtal.
Treffpunkt, Kulisse, Hochzeiten und Foto-Hotspot
Heute ist die Kirchtreppe weit mehr als ein historischer Aufgang. Sie ist Treffpunkt, Fotomotiv, Kulisse. Hochzeiten werden hier inszeniert, Social-Media-Posts entstehen bei schönem Wetter im Minutentakt, und bei Veranstaltungen wie dem Kettwiger Weihnachtsmarkt verwandeln sich die Stufen in eine natürliche Tribüne. Besucher aus dem ganzen Ruhrgebiet und den angrenzenden Niederlanden steigen sie hinauf, um das „andere Revier“ zu erleben – das grüne, historische, kleinstädtische Kettwig, das sich so wohltuend von den urbanen Stadtzentren im Ruhrgebiet abhebt.
Foto: Cesar von Meissen
Fazit
Die Kirchtreppe verbindet nicht nur zwei Ebenen der Stadt, sondern auch Vergangenheit und Gegenwart. Als ehemalige Feuergasse, durch die man einst vom Oberdorf in das Ruhrtal gelangte, erzählt sie von den Anfängen Kettwigs und den Menschen, die den Ort über Jahrhunderte geprägt haben. Sie ist ein steinernes Stück Heimatgeschichte, das zeigt, wie viel Charme und Identität in einem Ort erlebbar bleiben können, wenn seine historischen Bauwerke bewahrt bleiben. Wer hier hinaufsteigt oder hinunterwandert, versteht Kettwig – und spürt, warum dieser Stadtteil an der Ruhr für viele ein Lieblingsort geworden ist.





