image
abtei kloster essen werden baldeneysee

Foto: Cesar von Meissen

Einst Kloster der Benediktiner – heute Künstler-Schmiede

Wer heute durch das ruhige Ruhrtal im Essener Süden spaziert, ahnt kaum, dass hinter den Mauern der Abtei Werden über zwölf Jahrhunderte Geschichte schlummern – und gleichzeitig junge Künstlerinnen und Künstler an ihrer Zukunft feilen. Die Folkwang Universität der Künste hat hier ihren Hauptsitz, in einem barocken Gebäude, dessen Fundament bereits im Jahr 799 gelegt wurde. Damals gründete der heilige Ludgerus die Siedlung Werden, und mitten hinein setzte er eine Benediktinerabtei, deren Krypta bis heute seine Gebeine bewahrt. Man erzählt sich, dass manche Studierende beim ersten Betreten der Krypta unwillkürlich leiser sprechen – als würde Ludgerus noch immer zuhören.

Abriss mit Feuer

Die Abtei hat einiges erlebt. Zweimal brannte sie nieder, zweimal erhob sie sich größer und prächtiger aus der Asche. Ob das nun göttliche Fügung oder ein mittelalterlicher „Abriss mit Feuer“ war, darüber streiten Historiker und Fantasten bis heute. Jedenfalls blieb ein faszinierender architektonischer Flickenteppich zurück: karolingische Spuren tief unten, romanische Rundbögen darüber, ein Kreuzgang mit spätgotischem Flair – ein Gebäude wie ein Geschichtsbuch, das nie ganz zu Ende geschrieben wurde.

Foto: Cesar von Meissen

Rokoko-Torhaus mit Faunsmaske

Zwischen 1750 und 1800 gönnte sich der damalige Fürstabt schließlich eine Residenz, die im Stil des Absolutismus kaum deutlicher hätte ausfallen können. Sein Wohnsitz sollte genauso hoch sein wie die Kirche – ein architektonischer Seitenhieb, der seine weltliche Macht symbolisieren sollte und bis heute für Schmunzeln sorgt. Doch kaum war das Rokoko-Torhaus fertig, dessen Faunsmaske über dem Portal den Besuchern frech die Zunge herausstreckt, kam die Säkularisation. 1803 mussten die Mönche auf Napoleons Befehl das Feld räumen. Die Abtei war Geschichte – zumindest als Kloster.

Foto: Cesar von Meissen

Gefängnis der Franzosen und Preußen

Statt abgerissen zu werden, verwandelte man das Gebäude in ein Gefängnis. Die Franzosen begannen, die Preußen führten fort. Ein nüchterner Zweckbau, der sogenannte Preußenflügel, kam hinzu. In der ehemaligen Meierei entstand die erste Werdener Tuchfabrikation – ausgerechnet dort, wo heute Mensa, Schauspiel und Physical Theatre untergebracht sind. Bis zu 700 Gefangene arbeiteten hier im 19. Jahrhundert, schnitzten, nähten, schusterten und schmiedeten. Ein Ort, an dem früher Zellen standen, ist heute ein Tanzsaal – allein dieser Gedanke zeigt, wie sehr sich Raum und Zeit verwandeln können.

Von der Kriegsmarine zur Universität der Künste

Im Zweiten Weltkrieg nutzte die Kriegsmarine die leerstehenden Gebäude als Seeberufsschule, bis Bomben schwere Schäden hinterließen. Und dann kam Folkwang. 1946 zog die Schule ein und füllte die alten Mauern mit Schöngeistigem: Musik, Bewegung und Sprache. Zwei Jahre später folgte die Werkkunstschule, und plötzlich arbeiteten Bildhauer, Fotografen, Designer und Musiker Tür an Tür. In den 80er Jahren begann man, die historische Substanz behutsam zu restaurieren – ein Prozess, der bis heute anhält. Nur ein Relikt der Gefängniszeit blieb erhalten: die ehemalige Zuchthauskapelle – heute das Pina Bausch Theater. Ein Ort, an dem einst Strenge herrschte, ist nun zur Bühne für poetische Tanzkunst geworden – eine Wandlung, die diesen Ort scheinbar aufatmen lässt.

Folkwang Campus Werden

Auch die umliegenden Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Die Neukircher Mühle (Weiße Mühle) beherbergt die Musicalstudiengänge, während am Wesselswerth die Jazzerinnen und Jazzer sowie das Institut für Computermusik und Elektronische Medien arbeiten – inklusive hochmoderner Studios, die deutschlandweit ihresgleichen suchen. Und als jüngstes Kapitel entstand ab 2008 ein neuer Bibliotheksbau, großzügig gefördert und ausgestattet mit einem der umfangreichsten musikwissenschaftlichen Bestände des Landes.

Die Abtei Werden ist heute nicht nur ein Ort des Lehrens und Lernens, sondern vor allem auch ein Ort der Geschichten. Filmteams schätzen diesen Ort als Kulisse – u.a. „Kleine Haie“ wurde hier gedreht. Besucher staunen, wie schnell man vom Essener Hauptbahnhof im Stadtzentrum per S-Bahn (S6) in diese andere Welt im Ruhrtal nahe Baldeneysee gelangt. Eine Welt, in der Vergangenheit und Gegenwart sich nicht widersprechen, sondern einander inspirieren. Hier befindet sich auch der Werdener Kräuter- und Heilpflanzengarten. Und während Studierende bei geöffneten Fenstern ihre Instrumente stimmen oder Stücke proben, scheint es manchmal, als würde Ludgerus selbst zufrieden nicken. Schließlich lebt seine Abtei weiter – zwar anders, bunter, lauter, aber erhalten und voller Zukunft.

Copyright | Text von Bianca KILLMANN

image